Gedanken zum neuen Jahr

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

Es war im letzten Kriegswinter 1944 als Dietrich Bonhoeffer aus der Gefängniszelle ein Lied schrieb und es dann an seine Braut Maria von Wedemeyer kurz vor Weihnachten schickte. Seine Zeilen haben bislang ungemein viele Menschen erreicht und getröstet nicht nur z.B. beim Abschied auf dem Friedhof, sondern gerade auch vom Übergang vom Alten zu Neuen, gerade auch beim Übergang in ein neues Jahr, wo noch unsicher ist, was alles kommen wird.

 

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

Es ist die Zusage, dass da ein Gott mit uns geht, der um unsere Sorgen weiß, der uns helfen und leiten und mit seinem Segen umgeben will, der mit uns gehen will in ein neues Jahr. Mehr noch: Der jeden Abend und Morgen da ist. Doch - konnten wir tatsächlich alles was 2020 war, hinter uns lassen? Vieles begleitet uns noch weiter. Ich bin ehrlich, ein bisschen geht es mir wie Lots Frau, wenn ich zurück schaue auf das vergangene Jahr: Ich könnte zur Salzsäule erstarren. Oder wie es Klaus Schamberger in den Nürnberger Nachrichten geschrieben hat: „Den Rückblick kannst dir voll ans Bein schmier‘n.…“ Vielleicht ist es tatsächlich besser nun nach vorne zu schauen. Gott begleitet uns mit seinem Segen auch im neuen Jahr, doch er war und ist und wird auch bei uns weiterhin in den Untiefen unseres Lebens sein, jeden Tag neu. Vieles ist in den letzten Wochen und Monaten durcheinandergeraten. Vieles mussten wir neu lernen. Vermeintliche Sicherheiten sind zerbrochen, wir alle spürten, wie vorläufig alles „Dichten Trachten des Menschen“ ist. Viele Vorhaben konnten nicht verwirklicht werden. Große Pläne platzten. Es war für viele nicht leicht zu erfahren, dass wir unser Leben nicht allein bestimmten können. Kontrollverlust, war ein Stichwort für viele Reaktionen, auch für die, die es nicht wahrhaben wollen. Und ein Wort stand über dem ganzen Jahr: „Abgesagt!“ Gerne hätten wir die Resett Taste an Silvester gedrückt und alles wäre verschwunden. Doch so ist es nicht. Mehr gilt das, was Bonhoeffer weiter schreibt:

 

„Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen, das Heil, für das du uns geschaffen hast.“

 

So einfach ist das eben nicht vom Alten zum Neuen zu kommen, von der Angst zur Hoffnung, von der Sorge zur Zuversicht, von den dunklen Gedanken zum Licht eines neuen Jahres. Vieles nehmen wir mit vom letzten Jahr, mancher trägt an seinem sprichwörtlichen „Bäggla“ schwer. Der momentane Lockdown bleibt, ist nicht einfach so über Nacht weg. Ganz im Gegenteil, wir werden uns damit abfinden müssen, dass der Wandel zum Besseren noch dauert. Wir brauchen weiter Geduld und Zuversicht. Viele Neujahrswünsche, die mich erreicht haben, sprachen von der Hoffnung auf ein besseres Jahr. Ganz ehrlich: Das wünschen wir uns doch alle und es gibt ja Zeichen der Hoffnung. Das Licht am Ende des Pandemietunnels wird heller. Doch: „Noch will das Alte unsere Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwerer Last...“ Bonhoeffer spricht es unumwunden an. Schwere Tage werden auch 2021 zum Leben dazu gehören. Viele Tränen werden auch im neuen Jahr geweint werden. Viele Abschiede von bisher Gewohnten getan werden. Manche Pläne sich nicht erfüllen. Und doch dürfen wir wissen: Gott will in allem dabei sein. Sein Licht leuchtet uns auch 2021 voran. Das Evangelium von Neujahr (Lukas 4) spricht gar von einem „Gnadenjahr des Herrn.“ Welch eine Verheißung für 2021! Und auch die folgende Strophe von Bonhoeffers Lied gibt uns eine hoffnungsvolle Perspektive für das neue Jahr.

 

„Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsere Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.“

 

„Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen.“ So heißt es. Kerzenlicht ist besser als Neonlicht, eine Glühbirne oder LED. Das spüren wir, wenn wir ein Licht am Grab eines lieben Menschen anzünden. „Ewiges Licht“, sagen dazu unsere katholischen Schwestern und Brüder. Viele Lichter brannten und brennen noch zumindest bis 6. Januar am Weihnachtsbaum. Viele schwören dabei auf echte Kerzen. Es sei denn, kleiner Kinder sind da. Und wenigstens die „Sternlersspeier“, wie wir Nürnberger die Wunderkerzen nennen, waren dieses Jahr an Silvester erlaubt und brachten auf Terrassen und Balkonen Licht in die ungewöhnlich dunkle und ruhige Nacht des Jahreswechsels. So standen auch wir dieses Jahr auf dem Balkon unserer Wohnung. Ein Licht in der Finsternis anzünden kann es nicht gleich taghell machen, aber zumindest etwas Wärme und Frieden in unser Herz bringen oder einen Hoffnungsstrahl sichtbar machen. Wir brauchen solche Hoffnung in diesen Tagen mehr denn je. Klar:  Eine brennende Kerze kann und wird die Finsternis nicht ganz vertreiben. Doch ihr warmer Schein zeigt: Es gibt das Licht in der Dunkelheit. Die Hoffnung auf ein helles Leben ist noch nicht erloschen. Jeder Gottesdienst, auch unter ungewohnten Bedingungen mit Maske und ohne Gesang ist für mich ein kleiner, wichtiger Lichtstrahl der Hoffnung in meinem Leben. Schön, dass wir heute miteinander feiern. Viele Gemeinden haben sich anders entschieden und ihre Kirchen über die Feiertage geschlossen. Es tut gut, zu spüren, wie es Bonhoeffer schreibt: „Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht“. Wir kommen von Weihnachten her, von den dunkelsten und längsten Nächten des Jahres. In der Krippe von Bethlehem kam das Licht der Welt zu uns. Erst war es klein und nur wenige sahen es. Doch es breitete sich aus - bis heute. Christi Licht will auch im neuen Jahr leuchten und Hoffnung schenken. Die guten Mächte Gottes haben mit Jesus Gestalt gewonnen.  Sein Wort leuchtet uns auch auf dem Weg durch das neue Jahr voran.

 

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang, der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

 

Mit dieser Zusage zum Schluss des Liedes dürfen wir uns trösten und leiten lassen. Auch wenn es wieder einmal still um uns ist, wenn wir selbst verstummen vor unseren Sorgen und Zweifeln, wenn wir wieder die nächsten Tage allein sind, die Zusage Gottes bleibt: Meine guten Mächte umgeben dich, wo du auch bist! Christus, das Licht der Welt, leuchtet uns. - Payne Best, ein englischer Mitgefangener schreibt später einmal über Bonhoeffer: „Er verbreitete um sich her stets eine Atmosphäre des Glücks, der Freude über das kleinste Ereignis im Leben; er war erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit dafür, dass er überhaupt lebte. Er war einer jener seltenen Menschen, die ich getroffen habe, denen Gott eine Wirklichkeit ist, die sie ganz nahe umgibt.“

Diese Wirklichkeit Gottes beschreibt Bonhoeffer mit seinem Lied. Diese guten Mächte sind für ihn keine wie auch immer „geflügelte Wesen“, die plötzlich kommen und rasch wieder verschwinden, sondern stehen für Gottes wunderbare Nähe, für die er selbst uns die Augen öffnen will. Es ist für ihn dieser „volle Klang, der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet...“ wie er in dieser Strophe getextet hat. Wir sind noch in dieser Welt - und sind ihr doch schon durch unseren Glauben, unsere Liebe, unsere Hoffnung an den nahen Gott enthoben, ja getröstet wunderbar! Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, dem Licht der Welt, heute, morgen und in Ewigkeit.

 

Pfarrer i.R. Hannes Ostermayer